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Copyright by Sascha Marco Olms Kapitelauswahl:
Varis. Was wisst Ihr über diesen Namen schon? Es sind die Geschichten der Barden und Minnesänger, die an Eure Ohren gedrungen sind. Sie erzählen Euch das, was Ihr hören wollt, fernab dem, was sich wirklich in den alten Tagen zugetragen hat. Glaubt mir, dass die Nebel der Zeit viele namenlose Helden gesehen haben. Über die Jahrhunderte hinweg starben sie auf Schlachtfeldern, die längst in Vergessenheit geraten sind. Mögen uns die Dinge, für die sie ihr Leben gaben heute nur noch belanglos erscheinen - sie alle hatten ihre Träume, ihren Glauben und ihre Ängste. Mit jedem Grab, ausgehoben auf dem Anger, verblasst eine weitere Geschichte, wie auch die Inschriften auf dem Stein im Nebel der Zeit verwittern. Manchmal spüre ich die Verzweiflung aus mir hervorbrechen, dann, wenn ich die Brandung des Ozeans beobachte, der sich in der Ferne unter brennendem Himmel verliert. In diesen Momenten wird mir bewusst, das sich seine Wogen noch an den dunklen Felsen brechen werden, wenn mein schwacher Körper längst zu Staube zerfallen ist. Der Wind ist kalt geworden, und unter seinen Hieben spüre ich mein Alter, auch wenn ich es lange Zeit nicht wahrhaben wollte. Mir scheint, mein Freund, das der Tag gekommen ist, an dem ich Euch meine Geschichte erzählen möchte. Auch wenn sich die Menschen in Ferisgard an die Legenden klammern werden, so kann ich sie mir doch von der Seele reden. Dieser feuerrote Himmel, der Schrei der Möwen und die weißen Segel auf hoher See- alles erscheint mir wie früher. Fürwahr, es waren ruhelose Jahre, in denen Angst und Schrecken das Leben der Menschen bestimmte, und doch glühte in allem der Funke der Hoffnung, wartend auf die Zeit, in der das Leid ein Ende finden würde. Wie nur soll ich beginnen, Euch über meine Kindheit zu berichten? Meine Mutter starb an den Folgen meiner Geburt, und mein Vater sprach nicht oft über sie, so sehr bereitete ihr Tod ihm schmerzen. Er war ein guter Mensch, ein Fischer, der seine Netze im Meer auswarf, und mich an Tagen der ruhigen See mit hinaus auf die unendlichen Wasser nahm. Stets blieb er ruhig und bedacht, niemals erhob er seine Stimme oder brüllte hinaus in die See, wie es die anderen Männer taten. An manchen Tage standen wir lange am Strand, beobachtete den Sonnenuntergang, den Himmel, so feurig wie die Tore der Hölle. Ich flickte die Netze, half ihm bei den Reparaturen am Boot und kümmerte mich um die alte Hütte. Oft saßen wir dann abends gemeinsam am Feuer, und er erzählte mir Geschichten über das Meer der Stürme, von den Geistern Esmarees, deren Seelen in ihrem nassen Grabe keine Ruhe fanden. Es waren Seeleute und Fischer, vom Gott des Meeres gestraft, den sie verspottet hatten. "Verhöhne sie niemals, die Wasser, mein Sohn.", höre ich ihn noch heute sprechen. Wenn ich in meiner Bettstatt lag, die Augen geöffnet und in die Nacht lauschend, konnte ich sie spüren. Zwischen dem prasselnden Feuer und dem heulenden Wind im hölzernen Gebälk unserer Hütte, hörte ich noch etwas anderes: Den Gesang der Wellen, die tobende Brandung und die Rufe der verlorenen Seelen. Hätte der Winter nicht die Spuren des Blutes getragen, vielleicht wäre mein Leben in jenem Dorf geendet. Vielleicht wäre ich jeden Tag hinaus auf das Meer gefahren, die Netze auswerfend, um dann heimzukehren an einen Ort, an dem mich Frau und Kinder erwartet hätten. Doch die Tage wurden kürzer, und mit jedem Untergang der Sonne näherte sich die Nacht, die mein ganzes Leben verändern sollte. Die Winter an der Küste waren schon immer hart. Das Meer der Stürme war gefährlich, und mein Vater hatte mir immer erzählt, das die See in den Monaten des Winters die meisten Seelen raubte. In jenem Jahr hatte das Dorf drei Männer verloren. Die boshaften Winde tobten Abend für Abend, einen Zehntag lang zerschlugen sie Boote und Hütten. Erst als der Zorn der Götter versiegt war, entzündeten wir Fackeln in der schwarzen Grotte, trauerten um die Toten und flehten Torr, den Gott des Meeres, an, er möge unsere Sünden verzeihen, für die er uns hatte strafen wollen. Das Leben kehrte wieder ein, und mein Vater kam mit vielen gefangenen Fischen zurück. Es gab viele von ihnen dort draußen. Ihre schimmernden Körper färbten die See, denn es hieß, das sie die Kälte in den Tiefen nicht ertragen konnten, und sich deshalb nahe der Küste sammelten, an denen das Wasser wärmer war. Der Küfer Dearen baute die Fässer aus biegsamen Holz, in denen die gepökelten Fische nach Anwyl gebracht werden sollten. In diesem Winter fingen wir viele Fische. Heute weiß ich, das sie unserem Dorf nicht die ersehnten Münzen, sondern lediglich den Tod gebracht hatten. In einer klaren Nacht wurde ich durch das Gebell des Hundes geweckt. Mein Vater hatte die Hütte verlassen, um den Abend beim alten Rotbart zu verbringen. Ich zählte elf Sommer und fürchtete die Dunkelheit nicht mehr. Vorsichtig lugte ich aus der Türe, fragte mich, ob sich vielleicht ein Grauwolf dem Dorf genähert hatte. Der Mond war zwischen grauen Wolkentürmen verborgen. Schatten huschten durch den zarten Schnee, der den Boden und die Dächer der Katen benetzte. Einen Moment lang beobachtete ich die Schatten schweigend. Stahl blitzte auf, dann brach der Hund jaulen in seinem Verschlag zusammen. "Fremde!", schrie ich laut, und es schien, als hätte ich die finsteren Schemen durch meinen Schrei erweckt. Plötzlich stürmten sie vor. Fackeln wurden entzündet und grölendes Kampfgeschrei zerriss die Nacht. Es waren viele Fremde. Sie kamen aus dem Dunkel des Waldes, der aus der Ferne einer undurchdringbaren Mauer glich. In ihren Gesichtern stand Wut und Entschlossenheit. Gestalten in zerfetzten Lumpen und Fellen, von denen nur wenige Schwerter oder gar Schilde trugen. Sie rannten durch den Schnee, schwangen ihre Keulen und Stecken, die Angst vor einer Niederlage aus dem Leibe schreiend. Erschrocken fuhr ich zusammen, als sich einer der Angreifer unserer Kate näherte. Ich warf die Türe zu und sah mich verzweifelt um. Hinter mir knarrten die schweren Schritte auf dem alten Holz. Angsterfüllt warf ich mich zu Boden, trat mit voller Wucht gegen eine lose Holzplanke und versuchte vergeblich, mich durch das enge Loch zu zwängen. "Waldmänner!", ertönte eine Stimme, die der meines Vaters glich. "Zu den Waffen!" Schreie zerrissen die Nacht und Kampflärm prallte aufeinander. Waldmänner! Mein Blick fiel auf die Truhe, in der mein Vater das Schwert aufbewahrte. Er war einer der wenigen Fischer, die ein richtiges Schwert besaßen, und er sagte mir einst, das die Klinge seinem Vater gehörte, der für Anwyl in der Schlacht gekämpft hatte. Ich hatte die prächtige Klinge immer bewundert, doch fragte ich nach ihr und meinem Großvater, so war stets Schweigen seine Antwort gewesen. Diese Nacht würde er sie brauchen, schoss es mir durch den Kopf. Ich sprang nach vorne, ergriff den Deckel der Truhe und öffnete ihn. Unterhalb des Griffes glaubte ich für einen Moment, ein sanftes, blaues Schimmern zu erkennen, das von der Klinge auszugehen schien, die in der ledernen Scheide steckte. Meine Finger glitten um den Griff des leichten Schwertes, und ich zog es aus der Truhe heraus. In dem Moment barst das Holz der Türe mit einem splitternden Geräusch. Ein bärtiger Mann mit vorstechenden Augen und schwarzen Zähnen grinste mich an, als er die lange Klinge in den Händen eines eher schmächtigen, braunhaarigen Jungen sah. Verzweifelt huschten meine Augen durch den Raum und erfassten die Schalen mit dem Pökelsalz, die auf dem Regal über der Truhe standen. "Danke für die Waffe, Kleiner !", höhnte der Fremde, dessen Augen beim Anblick des Schwertes aufblitzten. "Gib sie mir, damit ich dich erschlagen kann!" Daraufhin trat er vor um mich zu ergreifen. Ich sprang zurück, warf den Deckel der Truhe zu und kletterte hinauf, bevor mich der Räuber erreichen konnte. Schnell hatte ich eine Schale in den Händen und schleuderte dem Angreifer das grobkörnige Salz in das grässliche Gesicht. Dieser schrie auf und rammte gegen die Truhe, so dass ich durch die Wucht des Aufpralls zu Boden schlug und einen pochenden Schmerz in meinem rechten Knie spürte. "Elender Bastard!", schrie er, hielt sich die Hände vor das Gesicht und drehte sich ruckartig um. Ich bekam den Griff des Schwertes zu packen, zog meinen wärmenden, braunen Umhang vom Schemel und floh aus der Hütte hinaus in die Nacht. Es waren nur wenige Augenblicke, doch die entsetzlichen Bilder brannten sich so tief in mein Gedächtnis, das ich sie nie wieder vergessen konnte. Die Angreifer waren in der Überzahl. Ein schwarzhaariger Hüne von der Größe eines Bären, der einen Helm mit Widderhörnern auf seinem Kopfe trug, brüllte Befehle und schmetterte seinen Kriegshammer nieder. Ich sah, wie sein Gegenüber von dem wuchtigen Hammer am Kopfe getroffen wurde. Knochen barsten unter einem knirschenden Geräusch, als er von der Wucht des Schlages zur Seite geworfen wurde und leblos zu Boden sank. Hinter ihm hatte eine Gruppe der Waldmänner Dearen und seine Familie umkreist. Noch bevor ich wirklich verstand, was geschah, brachen Dearen und seine Frau unter den Hieben langer Klingen zusammen. Die Schreie des Kindes verstummten abrupt, als es von einem Keulenschlag durch den Schnee geworfen wurde. Die ersten Fackeln wurden in die Katen geworfen, und die gierigen Flammen fanden in Holz und Stroh ihre ersehnte Nahrung. Im Schein des Feuers erschien es mir, als hätten alle Gesichter, die ich erblickte, etwas fremdes, dämonisches an sich. Verzerrte Grimassen aus Schmerzen und Wut, zwischen denen ich vergeblich nach den Umrissen meines Vaters suchte. Mir war, als wäre ich in einem bösen Traum gefangen, aus dem ich mich nicht befreien konnte. "Du entkommst mir nicht!", tobte der Fremde hinter meinem Rücken, und ich erwachte aus meiner Starre, als ich die Keule in seiner rechten Hand sah, die er zum Schlag erhoben hatte. Ich versuchte zu fliehen, doch schon hatte er mich mit großen Schritten erreicht und stieß die Keule auf mich herab. Um Haaresbreite entging ich dem tödlichen Hieb, indem ich mich zu Boden warf, doch als ich mich umdrehte, hatte er sich über meinem Körper erhoben, setzte zum letzten, vernichtenden Schlag an - und wurde plötzlich nach vorne gestoßen, als die Spitze eines scharfen Speeres aus seinem Bauch hervorstach. Ein Keuchen brach über seine Lippen, und mit weit aufgerissenen Augen fasste er sich ungläubig an die blutende Wunde, bevor er wankend zu Boden stürzte. Wahrlich, ich hätte in jenem Moment jeden erwartet, doch niemals Lacia, die sechzehnjährige Tochter Rotbarts. In ihrem Gesicht stand der Schrecken, und das lange braune Haar fiel ihr wirr über die Schultern. "Komm schon!", rief sie. "Nimm meine Hand, Varis!" Ohne den Blick von dem Getöteten zu nehmen, zerrte sie mich auf die Beine und zog mich fort. "Nein!", schrie ich. "Das Schwert meines Vaters. Nimm es mit!" Sie ergriff das Schwert und wir rannten in den Schatten unserer Hütte. Als ich merkte, das sie mich zu der Baumgruppe zog, begann ich zu schreien und versuchte mich verzweifelt zu wehren. "Mein Vater!", meine Stimme zitterte. "Wir dürfen nicht gehen! Mein Vater braucht sein Schwert!" Ich riss mich los wollte hinaus zu meinem Vater laufen, doch Lacia war schneller. Sie ergriff mich am Arm, drückte mich gegen die Hüttenwand und verpasste mir eine Ohrfeige, die mir die Tränen in die Augen trieb. "Du kommst mit! Dein Vater will, das ich dich in die Grotte bringe!" Weinend folgte ich Lacia hinaus in die Dunkelheit, die um mich herum verschwamm. Mein Knie pochte vor Schmerz und hinter meinem Rücken drangen die Schreie der Sterbenden an meine Ohren. Als wir die dunkle Felsgrotte erreichten, die sich dicht an den Strand des Meeres schmiegte, blieb ich stehen und ballte die Hände zur Faust. Der Himmel hatte die Farbe des Feuers angenommen. Rauchsäulen und Funken stoben in das unendliche Grau. Nur noch schwach hörte ich die Schreie, die langsam verblassten. Ich weinte fürchterlich und spürte zum ersten Mal eine unbändigen Wut gegen jene in meiner Seele aufsteigen, die uns dieses Grauen angetan haben. Lacia trat an mich heran und blickte zu mir herunter. Sie legte einen Arm um meine Schultern und ich gewahrte Tränen in ihren Augen, die sie aber schweigend mit der Hand zu verbergen versuchte. Ich erinnere mich nur zu gut an die Leere, die Besitz von einem ergreift, wenn man alles verloren hat. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche. Es sind Jahrzehnte vergangen, mein Freund, doch selbst in diesen Nächten kehren die Erinnerungen an die Vergangenheit zurück. Sie suchen Euch bis zu Eurem Lebensende heim, folgen Euch durch den Nebel der Zeit und lassen erst mit dem Tode von Euch ab. In jener Nacht hatte ich den Glauben an die Götter und an die Menschlichkeit verloren. Ich fürchtete mich davor, die Augen zu schließen, fürchtete mich davor die Augen zu öffnen. Ich war gefangen in der Leere. Wir hatten die ganze Nacht wach gelegen. Die Kälte hatte an unseren Körpern genagt, und wir froren am ganzen Leib. Wir kauerten nebeneinander unter meinem Umhang, lauschten in die Dunkelheit, hofften, das schon bald mein Vater kam, um uns zurück ins Dorf zu holen. Doch während der Nacht erschien niemand. "Was, wenn die Waldmänner unseren Spuren folgen?", hauchte Lacia in die Finsternis. "Vielleicht folgen sie ihnen im Morgengrauen." Ich starrte unentwegt auf die blutige Schramme an meinem Knie, versuchte neue Hoffnung zu schöpfen. "Mein Vater wird den Spuren folgen", flüsterte ich. Als die Dämmerung endlich hereinbrach und die Dunkelheit dem rauen Morgennebeln wich, hielten wir es nicht mehr in der feuchten Grotte aus. Vorsichtig kletterten wir an das Tageslicht und schauten auf den Strand hinaus. In den stürmischen Tagen hatte das Meer viele Äste, Baumstämme und tote Robben angeschwemmt. Die Bäume des Waldrandes waren von einer zarten Schneedecke überzogen und glichen in den Nebeln des Morgens mächtigen Speeren, die aus dem Erdboden ragten. Erst jetzt fiel mir die Verletzung Lacias auf. Verkrustetes Blut klebte an Ihrer Schulter und sie senkte den Kopf, als sie meinen fragenden Blick bemerkte. Wir folgten den Spuren, die wir in der gestrigen Nacht auf dem Boden hinterlassen hatten. Noch immer drängte schwarzer Rauch in den Himmel hinauf. Nirgendwo konnten wir andere Spuren entdecken. Eine unheimliche Stille herrschte im Wald, als wir die verbrannten Hütten des Dorfes erreichten. Einzig die rauen Rufe der Krähen drangen aus den Nebeln. Vor unseren Augen bot sich ein Anblick des Schreckens. Überall lagen die Leiber der Gefallenen, gekrümmt, mit schmerzverzerrten Gesichtern. Manche hatte das Feuer verbrannt, andere waren durch grässliche Wunden entstellt. Der Schnee hatte ihr Blut gierig aufgesogen. Lacia stieß einen kurzen Schrei aus und stürzte nach vorne. Ihre Hände tasteten nach dem Leichnam ihres Vaters. Zwei hässliche Schnittwunden klafften auf seiner Brust, und der Hieb eines Schwertes hatte seinen rechten Arm abgetrennt. Seine Waffe war verschwunden. Ich konnte den Schmerz in seinen Gesichtszügen erkennen, eingefroren durch die Kälte der Nacht. Vorsichtig ergriff ich Lacias Hand, doch sie schob meine Hand beiseite und richtete sich auf. Ihr Gesicht blieb starr, doch die Adern ihres Halses bebten vor Zorn. Sie blickte über die Toten. Männer. Frauen. Kinder. Erschlagen, erstochen und verbrannt. Ich spürte ihren kochenden Hass, schaute mich verzweifelt um, suchte meinen Vater, konnte ihn aber nirgendwo erblicken. Lacia stürmte vor und ergriff einen verkohlten Holzbalken. Sie suchte sich einen der gefallenen Waldmänner und schlug mit dem Balken wild auf ihn nieder. Sie zertrümmerte den Schädel des Toten, schrie und weinte, während ich fassungslos auf die Knie sank. Es war das erste Mal, das ich die Leere spürte. Wir fanden weder meinen Vater, noch fanden wir Überlebende des furchtbaren Gemetzels. Die Spuren der Angreifer führten in den Wald zurück, dorthin, woher sie gekommen waren. Sie hatten alle getötet. Sie hatten die Fässer mit den gepökelten Fischen geraubt, die Waffen und alles, was ihnen von Wert erschien, gestohlen. Ich hatte lange nach meinem Vater geschrieen. Irgendwann war ich erschöpft zusammengebrochen. Die vielen Toten, der beißende Rauch - alles kam mir so unwirklich vor. Über unseren Köpfen kreisten die Raben. Als wir die Hufschläge vernahmen, die sich dem Dorf näherten, versteckten wir uns in dem hölzernen Hundeverschlag, vor dessen Pforte der Kadaver des getöteten Tieres lag. Durch eine kleine Ritze hindurch beobachtete ich die gerüsteten Reiter, die von ihren gepanzerten Pferden stiegen und sich umsahen. Unter ihren langen Wintermänteln trugen sie Schwerter und Plattenpanzer. Aus ihren Helmen ragte ein weißes Nackentuch und ihr Schild trug das Symbol eines sich aufbäumenden weißen Rosses. "Bei den Göttern! Was ist hier geschehen?", hörte ich einen der Reiter sagen. Zwei weitere Männer traten neben ihn. Der Anführer der Gruppe, ein kräftiger Mann im Alter meines Vaters, formte die Hände zu einem Trichter und brüllte mit tiefer Stimme: "Ist da wer?" "Dornreiter!", flüsterte ich und wollte aufspringen, doch Lacia hielt mich zurück. "Wir sind Schwerter Cawaryns. Dornreiter. Ihr habt nichts vor uns zu befürchten!" Langsam erhob sich Lacia, hielt mich mit der Hand auf dem Boden und trat dann aus dem Verschlag heraus. "Hier bin ich.", rief sie. Die Soldaten wandten den Blick, doch bevor ich sie genau erkennen konnte, versperrte mir die vorgetretene Lacia die Sicht. "Was ist hier geschehen? Wo sind die anderen?", fragte der Anführer. Seine Stimmer klang rau wie der Winter. "Es gibt keine anderen. Sie sind alle tot.", erwiderte die Tochter Rotbarts. "Ihr seid verwundet!" "Nur eine Stichwunde. Nichts ernstes, Herr." Einer der Reiter schritt zwischen den Körpern hindurch: "Ein Überfall. Sie scheinen aus dem Wald gekommen zu sein. Es waren Menschen." "Schaut nach, ob eine dieser armen Seelen noch lebt, Caster.", befahl der Anführer. "Argan?" "Ja, Hauptmann?", meldete sich der dritte Reiter. "Ihr reitet zurück zur Burg und berichtet was geschehen ist. Bringt auch einen Priester mit." "Jawohl, Hauptmann." Der junge Dornreiter schwang sich auf sein Pferd und ritt durch den Schnee davon. "Nun zu euch, Mädchen! Was ist hier geschehen?" "Waldmänner!", schrie ich und sprang aus meinem Versteck heraus um an die Seite Lacias zu treten, die mich wütend anschaute. "Sieh an. Noch ein Kind.", grübelte er und seine dunklen Augen musterten mich eindringlich. Die ersten Spuren des Alterns waren in seinem Gesicht zu erkennen, und sein kurzes schwarzes Haar war von den ersten grauen Strähnen durchzogen. "Sie kamen letzte Nacht und haben alle getötet. Meinen Vater haben sie mitgenommen und..." "Woher hast du das Schwert, Bursche?", fiel mir der Hauptmann ins Wort. Seine Augen schimmerten, als er es erblickte, und ich verbarg es schnell hinter meinem Rücken. "Ich heiße Varis und das ist die Klinge meines Vaters!", rief ich. "Solange mein Vater nicht wiederkehrt gehört sie mir!" "Das Schwert deines Vaters?", der Hauptmann blickte zu dem älteren Caster hinüber, der sich überraschend meiner zugewendet hatte. Als dieser nickte, musterte mich der Hauptmann mißtrauisch. "Sie haben deinen Vater entführt? Bist du dich deiner sicher?", fragte er nach. "Ich fand seinen Leichnam weder hier noch in den Hütten. Geflohen ist er nicht. Er war viel zu tapfer, als das er jemals geflohen wäre. Also müssen sie ihn mitgenommen haben!", glaubte ich zu wissen. Es schien, als überlegte der Hauptmann, ob er mir das Schwert nicht abnehmen sollte, entschied sich dann aber vermutlich dagegen. "Es waren viele.", begann Lacia. "In der Nacht haben sie unser Dorf überfallen und alle Bewohner ermordet. Wir konnten uns in die nahe schwarze Grotte retten und dem Schicksal der anderen entgehen. Sie stahlen Nahrung und vieles aus unseren Hütten. Danach flohen sie zurück in die Wälder." "Wie viele waren es?", wollte der Hauptmann wissen. "Es ging zu schnell. Vielleicht zwei Dutzend Bewaffnete. Vielleicht auch mehr." "Der Riese trug den Widderhelm!", warf ich ein. "Er war bald dreimal so groß wie ich und hatte einen schweren Hammer." Lacia schaute mich verständnislos an, doch ich deutete auf einen der Ermordeten. "Den da hat er getötet!" Caster trat an den Anführer heran. Sein kurzes, weißes Haar glich dem Schnee des Winters, und in seinem vom Alter gezeichneten Gesicht stand die Trauer geschrieben. "Wir sind zu spät gekommen. Sie waren hier und haben alle getötet, Hauptmann. Einige Spuren deuten auf Fluchtversuche. Scheinbar sind sie den Flüchtenden gefolgt um sie dann zu ermorden. Was hier geschehen ist deutet auf äußerste Grausamkeit. Ich habe Überfälle von Waldmännern gesehen, doch keine glichen diesem Gemetzel. Seht euch diesen Mann an, Hauptmann." Der Hauptmann folgte dem Reiter, der auf das zertrümmerte Bein und anschließend auf die tiefe Stichwunde im Rücken des Toten deutete. "Dieser Mann wurde durch Keulenschläge zu Boden geworfen. Sie brachen ihm das Bein, so das er kampfunfähig wurde. Er lebte noch, Hauptmann, denn er versuchte sich durch den Schnee zum Waldrand zu ziehen. Sie erstachen ihn mit Schwert oder Speer. Viele der Opfer weisen selbige Wunden auf. Die Angreifer töteten alle. Sie ließen keinen am Leben. Waldmänner tun so etwas nicht, Hauptmann." "Wer könnte es sonst gewesen sein, Caster?" "Ich weiß es nicht. Jemand der es gewusst hat. Sie kamen aus den Wäldern, griffen an und haben alles durchsucht und beraubt. Sowohl die Nordwälder als auch die Schattengipfel sind groß genug, um vielen Gesetzlosen ein Versteck zu bieten. Nur wenn wir unter Verstärkung den Spuren folgen, werden wir mehr erfahren. Einige von ihnen waren verletzt. Sie können noch nicht sehr weit sein." Der Hauptmann nickte und wendete sich wieder Lacia und mir zu. "Dann warten wir." Dunkle Wolken zogen über unseren Köpfen auf, und es begann erneut zu schneien, als die Dornreiter und Argan gegen Abend zurückkehrten. Unter ihnen war ein tugendhafter Reiter namens Marcus, in dessen Obhut wir gegeben wurden. Er war vielleicht drei Jahre älter als Lacia, besaß langes, blondes Haar und freundliche, blaue Augen. Auch er hatte niemals zuvor solche Grausamkeiten gesehen, und in seinem Gesicht stand das Mitgefühl geschrieben, als wir ihm von der Nacht erzählten. "Cawaryn wollte, das der Hauptmann euch auf seiner Patrouille entlang der Küsten findet. Wenn es sein Wille ist, dann finden wir deinen Vater ebenfalls.", versicherte er mir. Ein Priester des weinenden Ordens, der aus dem fernen Cyrred Rye nach Anwyl unterwegs war, hatte den Dornreitern seine Hilfe angeboten. Die Stirn in Sorgenfalten gelegt, und das lange graue Haar unter seiner schwarzen Kutte verborgen, ängstigte mich seine Erscheinung zunächst. Als er die Wunde Lacias versorgte, indem er sie mit einem duftenden Öl bestrich und in einen Verband wickelte, verlor ich jedoch meine anfängliche Furcht. Ich zeigte ihm meine schmerzenden Knie. "Eine Schürfwunde?", stellte er freundlich lächelnd fest. "Das ist nun nichts, was meiner Kräutertinktur bedarf, mein Junge. Es reicht, wenn ich die Wunde mit Wasser reinige und verbinde." Auch wenn ich lieber etwas von dem gut riechenden Öl bekommen hätte, so war ich letztlich auch mit dem Verband zufrieden. Währenddessen zogen die Soldaten durch die Reihen der Toten und trugen sie hinunter zum Strand, an dem sie verbrannt werden sollten. Der Hauptmann und Argan untersuchten die Leichen der gefallenen Angreifer, Menschen in lumpiger Kleidung. Eine große Gruppe von mehr als einem Dutzend bewaffneter Dornreiter folgten den Spuren in die Wälder. Zu gerne hätte ich sie begleitet, um meinen Vater zu finden, der sich nicht unter den Toten im Dorf befand. Wo mochte er nur sein? Warum ließ er mich alleine? In der Abenddämmerung segnete der Priester vom weinenden Orden die Gestorbenen, bat die Götter, sie mögen all die Seelen gnädig aufnehmen, die einen solch grauenvollen Tod gefunden hatten. Aber warum nur gaben sie uns erst das Leben, wenn sie es uns auf diese schreckliche Art und Weise wieder entrissen? Wir standen abseits von dem Ort, an dem das letzte Feuer die Toten verzehren sollte. Als die brennenden Scheite auf die aufgebahrten Leiber hernieder fielen, herrschte drückende Stille. Die Stimme des Priesters erhob sich in einem traurigen Lied und die Soldaten, die geblieben waren, stimmten mit uns in den Gesang ein, während der Wind die Melodie weit hinaus auf das unendliche Meer trieb. Das Feuer umhüllte die Toten, verschlang sie um nichts als ihre Asche zu hinterlassen. Ich wandte meinen Blick von den Flammen ab, und betrachtete abwechselnd Lacia, die mit ihrem Gesang ihre Trauer hinauszuschreien schien und Marcus, der sie mehr als mitfühlend meinen seinen blauen Augen beobachtete. Es war die erste Nacht nach dem Morden, und erneut stoben Funken in den dunklen, wolkenverhangenen Himmel und tanzten einen unheimlichen Reigen. Der böige Wind hatte zugenommen. Ich wusste, das nach dieser Nacht alles anders sein würde. Ich spürte die Leere und betrachtete meines Vaters Klinge in meinen Händen. Wut entbrannte in meinem Inneren, füllte die Leere aus und ergriff meine Gedanken. Mit einem metallischen Klirren glitt der makellose Stahl aus der Scheide. Vom wundervollen Griff an schlangen sich Verzierungen gleich dunklem Efeu um die prächitge Klinge. Der bläuliche Hauch, den ich in der letzten Nacht auf dem Stahl zu sehen geglaubt hatte, war dem funkelnden rötlichen Schein des Feuers gewichen. Ich spürte den traurigen Blick des weißhaarigen Casters auf mir ruhen, wie ich die schwere Klinge prüfend in meiner Hand wog. Kopfschüttelnd löste er sich aus dem Kreis am Feuer, und verschwand in der Dunkelheit. Meine Blicke folgten ihm, bis ihn die Schatten verschlungen hatten. Ich konnte nicht erahnen, welche Gefahren der neue Morgen brachte, doch an dem Abend, an dem das Feuer meine Vergangenheit aufzehrte, schwor ich mir, das Schwert meines im Kampfe Großvaters zu führen. Und mein Gegner würde der Riese mit dem Widderhelm sein.
Als wir das Dorf mit dem Morgengrauen verließen, kämpfte ich tapfer gegen die wachsende Trauer an, so wie ich mich gegen die schweren Winde stemmte. Ich wollte nicht fort, auch wenn ich innerlich wusste, das wir keine andere Wahl hatten. Es ist der Geist der Gewohnheit. Auch Ihr werdet ihn einst spüren, mein Freund. Mit jeder Stunde, die Ihr an einem geliebten Orte verweilt, verstärkt sich sein Griff, mit dem er Euch zu halten versucht. Sorget dafür, das er Euch niemals in Ketten legt. Nur dann wird es Euch leichter fallen, seinem Einfluss zu entrinnen. Der Gedanke daran, das ich meinem bisherigen Leben den Rücken kehren musste, quälte mich mit jedem Schritt, mit dem ich mich von meiner Heimstatt entfernte. Hätte ich dem Geist nachgegeben, ich wäre wohl davon gestürmt um in der verbrannten Hütte auf die Rückkehr meines Vaters zu warten. Ich dachte, ich könne alleine hinaus auf das Meer fahren, um die Fische zu fangen, die Lacia und mich durch den kalten Winter gebracht hätten. Es waren die Gedanken eines jungen Narren, der den verbrannten Ruinen niemals auch nur nahe gekommen wäre. Auf dem verschneiten Pfad hätten mich die lähmenden Hiebe des eisigen Windes auf die Knie gezwungen, der über uns herein brechen sollte. Der Geist der Gewohnheit hätte sich meines Lebens beraubt. Mühsam ritten wir gegen den Wind an, der uns aufwirbelnden Schnee in unsere Gesichter peitschte, und sich mit seinen kalten Klauen tief in unsere Körper grub. Zu Beginn unserer Reise, hatten uns die sechs Dornreiter auf ihre kräftigen Pferde genommen. Doch der Wind nahm an Stärke zu, so dass wir absteigen und die Tiere führen mussten. Neben Lacia und mir hatte sich noch der Priester des weinenden Ordens unserer Gruppe angeschlossen, während der Hauptmann und die Reiter, die im Dorf zurückgeblieben waren, den Spuren in die Wälder folgten. Ich starrte hinunter auf meine in altes Schafsfell gewickelten Füße, die sich ihren Weg über den unwegsamen Pfad, der schäumenden Meeresküste nach Westen folgend, bahnten. Wohin nur würden sie mich führen? "Dylan!" Die Schreie verloren sich im tosenden Unwetter. Ich hatte mich im Schutze einer großen Wurzel verborgen und den zerrissenen Umhang eng um mich geschlungen. Drei Dornreiter banden die Pferde mühsam an eine alte Lärche, die in den Wirren des fallenden Schnees einem zerzausten Gerippe glich und deren Wipfel sich heulend im Wind bogen. Zwei Reiter waren kopfschüttelnd zurückgekehrt, doch konnte ich noch immer Marcus Stimme verzerrt aus der stürzenden Mauer des niederfallenden Schnees vernehmen, die seine Umrisse längst verhüllt hatten. Wir waren dem Pfad zwei Wegstunden gefolgt, als die Pferde unruhig wurden. Die Stärke des Sturmes hatte uns überrascht. Es schien, als hätte er auf uns Menschen gelauert; als hätte er gewartet, bis wir aufgebrochen und die ersten langen Meilen hinter uns gebracht hatten, um dann gnadenlos über uns hereinzubrechen. Kein Bauer, der uns in seinem Hof Obdach gewähren konnte. Keine Höhle, die uns Schutz versprach vor dem grimmen Winter. Nichts als endlose, undurchdringliche Wälder, in die uns Caster befahl, der über die restlichen fünf Dornreiter, die uns nach Anwyl eskortieren sollten, die Befehlsgewalt besaß. Kaum hatten wir den Waldrand erreicht, als sich Dylan, Marcus Pferd, wild aufbäumte, losriss und in den weißen Nebeln verschwand. Lacia zog mich hinter die Wurzeln eines gewaltigen Baumes, während Marcus den Namen seines Pferdes hinaus in den Sturm schrie. Es schien, als hätte ihn das Unwetter gebrochen, als er aus dem weißen Zorn zurückkehrte und sich an Lacias Seite niederließ. Das Gesicht hatte jegliche Farbe verloren, die Lippen waren zu dünnen Strichen geworden und seine Augen verharrten auf den zitternden Händen, mit denen er seine Knie umschloss. "Es wäre nicht zurückgekehrt, Marcus. Du hättest es nicht retten können.", hörte ich die hustende Stimme Casters, dem der Wind stark zugesetzt hatte. Sein bärtiges Gesicht hatte er in tiefe Falten gelegt. "Leichtsinn! Ich hätte es wissen müssen, als die Tiere unruhig wurden. Dieser Sturm ist Dylans Tod." Marcus Stimme klang heiser. Er hatte sich die Kraft aus dem Halse geschrieen. "Wir alle wissen, das Dylan ein scheues Tier war. Hoffen wir, das der Sturm bald ein Ende nimmt. Wenn wir es verloren haben, wird der Hauptmann Verständnis zeigen. Ich werde ihm von dem Unwetter berichten und um ein neues Tier für dich bitten.", antwortete Caster. "Ihr versteht es nicht!", Marcus Augen verengten sich und er würgte die Wut mit der letzten, verbliebenen Kraft hinaus. "Ihr alle versteht es nicht! Dylan war mehr als nur ein Reittier! Noch unter meinem Vater habe ich es aufwachsen sehen, habe die ersten Ritte für das Schwert Cawaryns auf seinem Rücken ausgetragen. Kein Stallmeister in ganz Ferisgard könnte mir ein Pferd anbieten, das Dylan wirklich ersetzen würde. Es war mir treu, und nur durch meine Unachtsamkeit habe ich es verraten!" Die letzten Worte hallten hinaus in den Sturm, und Marcus blickte in unsere Gesichter, als ihm klar wurde, das er sie geschrieen hatte. "Entschuldigt, Herr!", flüsterte er, und senkte den Kopf. Caster nickte verständnisvoll. Das knorrige alte Holz der Wurzel schmerzte in meinem Rücken, und meine Blicke verloren sich in den tanzenden Schneewehen. Der Sturm erstickte alle Geräusche, und der heulende Zorn des Windes brach sich an den wehrhaften Bäumen. Beinahe schien es mir, als erzählte er in einer Sprache von Schmerz und Leid, deren wir nicht mächtig waren. In Lacias Augen glimmte das Feuer des Mitgefühls. Ihre rauen Lippen formten stumme Worte, die sie sich nicht auszusprechen traute und sie wandte sich ab, als sie meinen Blick bemerkte. Marcus hingegen starrte auf den Waldboden, mit jedem Atemzug den Hauch der Kälte ausspeiend. "Kalt.", flüsterte ich in die fürchterliche Schweigsamkeit. Niemals zuvor habe ich die Kälte so stark gespürt wie an diesem Tag. Der eisige Wind war durch die wollene Hose und das dicke Hemd von verschmutzter brauner Farbe gedrungen. Mit dem zerschlissenen Umhang versuchte ich meine bloßen Finger zu wärmen. Lacia erging es nicht besser, denn auch sie fror sichtlich, obgleich Marcus mit ihr seinen Mantel teilte. "Es ist wichtig, das ihr nicht der Müdigkeit verfallt.", brach der Priester das Schweigen. "Die Kälte ist ein grausamer Feind. Sie verfärbt eure Haut und brennt schlimmer als die Hitze des Feuers es jemals könnte." Caster fügte nickend hinzu: "Ich möchte nicht, das einer von euch durch die Kälte Finger, Ohr oder gar sein Leben verliert, habt ihr verstanden?" Mühsam nickten wir und ein Reiter erhob sich stöhnend und schüttelte die Beine aus. Das Gewicht seiner Rüstung ließ ihn taumeln, bis er halt gefunden hatte. Auch ich begann, Arme und Beine zu bewegen. Marcus, der die ganze Zeit über schweigend dagesessen hatte, tat es mir gleich. Ich betrachtete sein Schwert, dessen Heft mit einem ledernen Band umwickelt war. Zu gerne hätte ich gewusst, ob seine Klinge auch mit Symbolen verziert war. "Marcus?", fragte ich vorsichtig. "Ja?", gab er zur Antwort, als hätte er meinen fragenden Blick schon bemerkt. "Wann bist du Dornreiter geworden?", wollte ich wissen. Für einen Moment wich die Trauer aus seinen AUgen, und mir schien, als hätte er auf nur darauf gewartet, das ich ihm diese Frage stellen würde. "Eigentlich wurde ich schon als Dornreiter geboren, Varis.", erwiderte er. "Ja, das wurde er!", fügte Caster lächelnd hinzu. "Und er ist ein tapferer Reiter, genau wie es sein Vater zu jener Zeit gewesen ist." "Hört, hört!", räusperte sich einer der Reiter, der uns begleitete. "Wenn du als Sohn eines Dornreiters aufwächst, der so hoch in der Gunst des Schwertes Cawaryns stand, wie es meinem Vater beschert war, dann sind die Zeilen deines Lebens schon Jahre vor deiner Geburt geschrieben worden." Ich hatte Mühe, Marcus Worte zu verstehen, denn seine Stimme klang aufgezehrt uns schwach. Für einen Moment suchte mein Blick den tobenden Sturm. "Ich werde die Zeilen meines Lebens selber schreiben müssen.", flüsterte ich. Er hob den Blick, und seine Augen musterten mich durchdringend. Es schien, als wollte er die Hand nach mir ausstrecken, doch zog er sie wieder unter seinen Mantel zurück. "Du kannst deinen Vater durch deine Taten ehren, Varis. Auch wenn er nicht mehr unter diesem unserem Himmel verweilt, werden deine Taten zu ihm dringen. Ich habe mein Leben dem Schwerte Cawaryns verschrieben, wie einst mein Vater zuvor. Ich weiß, das er nun aus seinen Hallen auf mich herabblickt und sein Geist meine Klinge führt, die Klinge des gerechten Kampfes." "Ich habe das Schwert meines Vaters.", flüsterte ich. Langsam hob ich die Scheide hervor und betrachtete das schwere Heft in meinen Händen. "Ich möchte es erlernen." Lacia schwieg, doch in ihren Augen spürte ich den Zweifel, den sie gegen meine Entscheidung hegte. Auch Caster war näher gerückt. Sein Blick, mit dem er mich und das Schwert betrachtete, schien trübe, als erinnere er sich an eine andere Zeit. "Varis.", begann er. Mit der Art, mit der mich ansah, glaubte ich eine verwirrende Vertrautheit in seinem Blicke zu sehen, schwach und doch beständig. "Du solltest dir eines zu Herzen nehmen: Zorn mag dir die Kraft geben, den Schwertkampf zu erlernen. Doch führst du deine Klinge mit dem Hass, der dich ihr Nahe gebracht hat, dann wirst du niemals den Pfad des gerechten Kampfes einschlagen." Irgendetwas in mir zog sich zusammen. Ich wollte antworten, wollte fragen, welchen gerechten Kampf die Waldmänner fochten, die mit ihrem mordenden Feuer solch grausame Erinnerungen in meine Seele gebrannt hatten, doch ich konnte es nicht. Caster merkte, das ich nicht zu antworten im Stande war, und so fuhr er fort: "Es fällt den Menschen schwer, den Zorn zu überwinden, wenn er sich erst einmal in ihre Herzen gefressen hat. Zorn wandelt sich in Hass, der sie zu seinem Werkzeug macht. Er schlägt sie mit blinder Wut und Raserei, nimmt Besitz von ihren Gedanken." Ich sah wieder Lacia vor mir, wie sie mit dem Holzbalken den Schädel des Toten zertrümmerte, dachte an den Zorn, der mich am Feuer überkommen hatte. Mit einem Male wusste ich, welche Wahrheit in den Worten Casters lag. "Die Menschen sind grausam, Varis. Manche sind so kalt wie das Eis, weil der Hass sie erstarren ließ. Folgst du den Straßen durch Ferisgard, so wirst auch du der Dunkelheit begegnen, der Verkörperung der bösen Drei. Du findest sie in Anwyl wie in Cyrred Rye, aus dem unser Priester des Ordens stammt. Seit Jahr und Tag sucht sie die Menschen heim." "Ihr... seid anders?", fragte ich vorsichtig. "Wir sind Dornreiter, fernab der Söldner, die ihre Dienste dem Gold verschreiben. Wir haben unser Schwert Cawaryn geweiht, haben geschworen, das Schwache, Gute und Heilige zu schützen. Glaube nicht, das uns die Menschen alleine deswegen gutgesinnt gegenüberstehen. Unser Orden ist noch jung, und es gibt viele, die unsere wachsende Zahl mit Neid betrachten. Selbst der Fürst Anwyls wittert Verrat, weil wir uns nicht seiner Herrschaft, geschweige denn der eines ruchlosen Königs beugen werden. Es mag die Zeit kommen, in der sich Cawaryn dem Herrn der Schlachten beweisen muß, um die Dunkelheit endgültig vertreiben können." Caster hustete auf und fuhr sich mir der Hand durch das alte Gesicht. Er hatte seine Worte mit einer inneren Überzeugung ausgesprochen, die mich verblüffte. "Ich wollte dir damit nur eines sagen, Varis. Handelst du geleitet von Zorn und Hass, den du innerlich hegst, dann bist du nicht besser als jene, die dich in die Rache stürzten." Als sich der Sturm legte, brachen wir auf. Marcus hatte verzweifelt versucht, die Spuren seines Pferdes aufzunehmen, doch Caster befahl den Aufbruch, als er die Hoffnungslosigkeit des Unterfangens gewahrte. Der Wind hatte Äste und Bäume gestürzt, und der Pfad war endgültig unter einer dichten Schneedecke versunken. Bald endete er an einer Wegkreuzung, die im Schutze des Waldes lag. Ein idealer Ort für einen Überfall. Ich wusste sehr wohl, wie gefährlich das Reisen in einer Zeit war, in der sich bewaffnete Ausgestoßene in den Wäldern verbargen. Hinter jedem Baum, Busch oder Hang mochten Wegelagerer in Deckung liegen. Caster ritt vorsichtig voran, ließ zwei seiner Männer absteigen und das Unterholz absuchen. Selbst nach dem Sturm war Vorsicht geboten. Die Waldmänner schlugen zu, wenn man es am wenigsten von ihnen erwartete. Erst als sich Caster von der Sicherheit der Gabelung überzeugt hatte, ritten wir weiter. Eine abgebrannte Ruine, Überbleibsel eines verbrannten Hofes, die bereits vor Jahren den Überfallen erlegen war, erhob sich nahe der Straße auf einem Hügel. Das rußschwarze Dach war eingebrochen, und zwischen den zerstörten Wänden reckten sich junge Bäume mahnend in den grauen Himmel. Die wenigen Steine und Bretter, die sich noch zum Bau geeignet hatten, waren längst entwendet worden. Ihr Anblick vor den dunkelgrünen Tannenwäldern wirkte bedrückend und erinnerte mich an die verbrannten Katen in unserem Dorf. Ich fragte mich, ob sie einst ebenfalls so trostlos erscheinen würden. Caster führte uns die Straße entlang, die sich durch bewaldete Täler immer weiter von der Küste entfernte. Als ich ihn fragte, ob Anwyl nicht eine große Hafenstadt sei, lachte er nur und sagte, das uns unser Weg nicht direkt nach Anwyl führen würde, sondern nach Cyr Cawaryn, der Burg Cawaryns außerhalb der Tore Anwyls. Die Vorstellung, alsbald die Burg der Dornreiter betreten zu dürfen, ließ mich nervös im Sattel sitzen. Wir trafen auf eine Gruppe Botenreiter, die uns grüßend entgegenritten und schon wieder hinter unserem Rücken verschwunden waren, bevor ich sie genauer betrachten konnte. Der schmale Bach, dessen Lauf wir nun folgten, führte uns zu den ersten geduckten Höfen, aus deren Feuerstellen sich grauer Rauch erhob. Wir ritten über eine hölzerne Brücke, folgten der Straße durch die Felder und erklommen einen sanften Hang, von dessen Spitze wir hinunter in ein Tal blickten. Ein dunkler Fluss schlängelte sich um die schroffen Hänge, der Schwarzdorn, von dem die Reiter ihren Namen hatten. Ich konnte die schmalen Häuser eines kleinen Dorfes erkennen, die sich eng an des Wassers Ufer schmiegten. Sie wurden durch eine hölzerne Palisade aus angspitzten Baumstämmen geschützt und von Wachtürmen aus dunklem Holz verstärkt. Ein hölzerner Steg führte in seiner Biegung zum gegenüberliegenden Ufer, einem Steinbruch, der die Flanke eines Hügels zierte, und aus dem Hammerschläge an meine Ohren drangen. Nie zuvor hatte ich solch eine wehrhafte Festung gesehen, die von der Spitze des Hanges das Tal gleich der Krone eines Königs überragte. Ein hölzerner Kran auf den zinnenbewährten äußeren Mauern, die aus massiven Fundamenten hinausragten, so als wären sie aus dem Felsen erwachsen, hievte einen Korb schwerer Steine hinauf in die Höhen. Über ihnen ragten die inneren Mauern mit der eigentlichen Festung und ihren vier Rundtürmen auf, von denen sich noch zwei im Bau befanden. Caster hatte wohl meinen staunenden Blick bemerkt, und er wandte sein Pferd, um sich neben das Reittier zu setzten, auf dem auch ich saß. "Scheint mir fast so, als hättest du Gefallen an Cyr Cawaryn gefunden.", stellte er mit unverhohlenem Stolz in der Stimme fest. Das gewaltige Bauwerk nahm meine Augen vom ersten Blick an gefangen, und ich schaffte es nicht mehr, ihn davon abzuwenden, als wir hinunter in das Dorf ritten. "Und mir scheint es fast, als Leide euer Orden unter Größenwahn", konnte ich die Stimme des Priesters vernehmen, der auf einem der Pferde hinter mir saß. Caster verlangsamte den Gang seines Pferdes und so näherten wir uns der hölzernen Befestigungsanlange. Vor dem Palisadentor erwartete uns trotz Wind und Kälte bereits eine kleine Menschenmenge in schmutzigen Kitteln. Die verwahrlosten Gestalten reckten ihre Hände empor, als wir ihre Reihen durchquerten, und brachen in ein Singsang aus bettelnden und flehenden Stimmen aus. Caster sprach einen Segen aus und wies die armen Leute zurück, die sich dichter an uns heranwagten. Eine runzelige alte Frau mit fauligen Zähnen und schmutzigem Gesicht, griff, auf einen Stock gestützt, auffordernd mit ihren Händen nach meinem Bein. Ich wandte meinen Blick ab und war froh, als wir das Tor durchquert hatten. Bis auf die Kapelle im Zeichen Yenoras, der Göttin der Fruchtbarkeit, und der Taverne am Markt, waren sämtliche Häuser aus Holz und Lehm gezimmert und nur stellenweise mit hartem Stein gefestigt. Neugierige Gesicher erschienen an den Türen, und zwischen den Beinen spielender Kinder streunte ein krähender Hahn. Die schreienden Kinder folgten uns bis zu dem hölzernen Steg, an dem wir absteigen mussten, um die Pferde auf das jenseitige Ufer zu führen. asziniert beobachtete ich den großen Korb, der sich schwankend im starken Wind niedersenkte um die nächste Fuhre behauenen Steines hinauf zur Burg zu hieven. Ein scharfer Ruf durchschnitt die Luft, und die Arbeiter, die jene schweren Steine zu dem Korb brachten, stimmten ein Lied an. Es waren ausschließlich kräftige Männer, die das Gestein trugen oder aus dem Fels schlugen, doch unter den Handwerkern, die ihn mit Meißeln zu einem einheitlichen Maße formten, gewahrte ich junge Gesichter, die nur wenig älter als ich selber waren. An einer hölzernen Konstruktion mit einem Wasserrad, das die hervorbrechenden Sickerwasser hinaus in den Fluß leitete, sah ich sogar Frauen und Kinder arbeiten. Sie scheppten das eisige Wasser mit Eimern aus den Gruben oder brachten es den Männern zur Erfrischung. "Seit beinahe vierzig Jahren schlagen die Menschen Steine aus dem Felsen, Varis." Ich drehte mich zu Marcus um, der hinter meinen Rücken getreten war. Bis auf wenige Worte war er den ganzen Tag über still gewesen, seit dem Moment, an dem er Dylan im Sturm verloren hatte. "Es ist eine sehr schwere Arbeit, doch für viele von ihnen ist sie lebensnotwendig geworden. Wenn die Zeit des Frühlings wieder hereinbricht, werden manche dieser Menschen die Felder bestellen. In den Monaten des Winters hingegen arbeiten sie alle zusammen: die Bauern, Handwerker und Zimmerleute. Sie alle verdienen sich ihr Brot, und seit Jahren ist es die sicherste Arbeitsstelle, die sie haben. Wenn der Bau sein Ende erreicht, werden viele von ihnen weiterziehen müssen, seien es nun Wasserträger oder Werkzeugschmiede.", sprach er. "Ich verstehe nicht viel von ihrem Handwerk, doch sie nennen diesen Stein Zwergenbasalt, da er angeblich härter und besser als das Gestein sein soll, das die Zwerge in ihren alten Festungen auf den Gipfeln des Flammensporngebirges verbaut haben sollen. "Werden sie bezahlt?", wollte ich wissen. Mein Vater hatte mir auch von der Fronarbeit erzählt, derer sich die Fürsten bemächtigten, um ihre Burgen zu errichten. "Sie erhalten Lohn für ihre Arbeit, doch zwingen wir sie nicht dazu.", antwortete der junge Dornreiter. "Wenn es das ist, woher das Mißtrauen in deinem Blicke rührt." Ich fragte mich, ob man meine Gedanken tatsächlich so einfach aus meinen Gesichtszügen erlesen konnte, und war froh, als Caster uns auf einen kleinen Pfad führte, über den wir am Ufer des Flusses entlang den steilen Hang umquerten. Der Pfad schlängelte sich nördlich zur Anhöhe hinauf, an einer Stelle, an der nur ein sanfter Abhang zu der Festung führte. Es war wahrlich ein gewaltiger Bau, der die ganze Kraft Cawaryns edel wiederzuspiegeln vermochte, und ich verstand den Priester des weinenden Ordens nicht, der nur seinen Kopf schüttelte. "Zurückhaltung ist das Maß aller Dinge.", sagte er an jenem Abend zu mir. "Immens mag dir der Prunk erscheinen, doch ist er nicht in Wirklichkeit der Boden, auf dem Scheelsucht und Neid gedeihen?" Auf den Zinnen des äußeren Tores wehten die Banner des Ordens im Wind, das strahlend weiße Ross auf blauem Grund. Die Spitzdächer der zwei Türme, die das Tor flankierten, bestanden aus dunklem Gestein, und wurden von prächtigen Kreuzblumen gekrönt. Zugbrücke und Fallgatter waren geschlossen, doch als wir uns der Mauer näherten und Caster rufend um Einlass bat, erscholl ein kräftiges Horn und eine behelmte Wache rief uns Grüsse von den Zinnen entgegen. Die schwere Zugbrücke wurde unter rasselnden Ketten heruntergelassen, und das Fallgatter erhob sich ächzend, bis es beinahe vollends in der Decke des Torbogens verschwunden war. Zwei Wachen in prächtigen Rüstungen, Hellebarden tragend, begrüssten Caster freundlich und blickten mich voller Neugierde an. Wir überquerten den Burggraben, der die nördliche Flanke der Festung vor angriffen schützte. Auf den äußeren Zinnen patroullierten Wachen, doch konnte ich nicht genau erkennen, wie viele es waren. Während sich das Gatter hinter unserem Rücken senkte, ritten wir eine Rampe zu einem weiteren, allerdings geöffneten Tor aus schwerem Eichenholz, hinauf. "Willkommen in Cyr Cawaryn!", sagte Caster, der sich mit seinem Pferd zwischen mich und Lacia gesetzt hatte. Wir durchquerten das zweite Portal, doch zu meiner Überraschung waren wir noch immer nicht im inneren der eigentlichen Festung angelangt. Hinter dem Portal bog die Rampe scharf ab und führte nach nur wenigen Schritten wieder zurück, allerdings weiter stetig ansteigend und ebenfalls durch ein massives Tor geschützt. Fragend schaute ich zu Caster hinüber. "Verteidigung!", begann er lachend. "Verteidigung ist alles. Sollte es sich ein Feind jemals wagen, Cyr Cawaryn mit einem Rammbock anzugreifen, so muß er ihn schon aus arg krummen Holz bauen. Aber es ist nicht mehr weit. Das nächste Tor führt in die inneren Mauern." Tatsächlich hatten wir schon bald das Innere der eigentlichen Festung durch das mächtige, obere Tor betreten. Das schwere Portal schloss sich hinter unserem Rücken, und wir blickten in einen großen Innenhof, der aus Ställen, einer Kappelle, der prächtig verzierten Burg mit ihren vier Türmen und sogar einem kleinen Garten bestand. Noch war die große Haupthalle von hölzernen Gerüsten umringt, an denen der Wind zerrte. Die Arbeiten der Handwerker in der Höhe waren eingstellt, doch auf dem Hof konnte ich noch manchen Steinmetz im Schatten der Mauern werkeln sehen, bis die baldige Dunkelheit hereinbrach. Der Klang des Hornes hatte in der Festung für Aufsehen gesorgt, und auf dem Burghof hatten sich viele Menschen versammelt. Unter ihnen waren jungen Dornreiter, aber auch Knappen und Diener. Stallknechte erschienen und führten die Pferde davon, während sich die Reiter in eine Reihe aufstellten und ihre Blicke wartend auf das große Festungsportal richteten. Sie zogen ihre Schwerter heraus und hielten sie symbolisch vor ihre Brust. Für einen Moment war ich versucht, meine Klinge zu ziehen und sie emporzuhalten, doch ich verdrängte den Gedanken, als ein gerüsteter Mann die Treppe hinunter trat. Sein langes Haar hatte die Farbe der Nacht, und in seinen Augen blitzte es auf, als er uns sah, die wir mit dem Rücken zur Mauer angetreten waren. Mit großen Schritten näherte er sich Caster und blieb wenige Schritte vor dem Reiter stehen. "Ich bin froh, dass das Horn eure Rückkehr verkündete, auch wenn eure gestrige Nachricht nichts Gutes verheißt. Ihr werdet in den Saal befohlen, so ihr denn neue Kunde bringt, Caster." Caster verbeugte sich kurz, dann schritt er mit schnellen Schritten an dem Schwarzhaarigen vorbei und verschwand in der Festung. "Wie ich sehe, habt ihr drei Gäste mit euch gebracht. Die Reise hat euch erschöpft, und die Gastfreundschaft gebietet es uns, euch auf eure Zimmer zu führen. die wir für euch vorbereiten ließen. Dort mögt ihr eure Kleider ablegen, euch waschen und ein wenig ausruhen, bis euch das Schwert Cawaryns zum Mahl laden wird." Staunend führten uns die Wachen durch die gewaltige Eingangshalle. Es schien, als trugen die schweren Säulen einen steinernen Himmel, der sich hoch über meinem Kopfe erstreckte. Die prächtige Statue in der Mitte der Halle zeigte ein edles, aufgebäumtes Ross, das die Vorderhufe wie zur Verteidigung des Kämpfers erhoben hatte, der unter dem Tier demütig zum Gebet niederkniete, das Schwert als Gabe in beiden Händen. Zwei gewaltige Treppen führten von der Halle hinauf auf eine weitere Ebene, und vor uns lag ein schweres Tor, bewacht von zwei gepanzerten Männern. An den Wänden hingen kunstvolle Teppiche. Sie erzählten von Schlachten, zeigten heroische Reiter auf ihren Pferden und brennende Städte, über denen die schimmernden Leiber der Drachen Feuer spien. Im fahlen Schein der Kerzen, die nahe der Säulen aus zinnernen Ständern ragten, wirkten die Bildnisse lebendig. Beinahe glaubte ich, Bewegungen auf dem Stoff zu erkennen, so als hoben die Reiter mutig ihre Schwerter zum letzten Kampf. Zwei Diener in blauen Gewändern brachten den Priester, den ich nie nach seinem Namen gefragt habe, Lacia und mich hinauf in die uns zugeteilten Räumlichkeiten. Hätte ich den Weg zurückschreiten müssen, den sie mit uns gingen, ich hätte mich mit Sicherheit in den Gängen der gewaltigen Festung verlaufen. Sie brachten uns in verschiedenen Stuben unter, auch wenn mir die Lacias direkt gegenüberlag. Der schweigsame Diener ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen, dann herrschte Stille. Ich sank auf dem kleinen Stuhl in der Ecke der Stube zusammen und legte meine Hände auf den hölzernen Tisch. Es war dunkel geworden, und das Kerzenlicht ließ die kalten Wände beinahe wie ein Gefängnis erscheinen. Der Diener hatte eine Waschschüssel auf dem Boden niedergestellt, Handtuch und sogar Kleidung auf die schmale Bettstatt gelegt. Ich erhob mich und öffnete die Fensterläden, um durch das kleine Fenster hinauszusehen, das in die Wand eingelassen war. Ich schaute hinunter in den Burghof, über die roten Dächer der Tore hinauf zu dem dunkelrotem Himmel. Es war das Feuer des Himmels, das ich schon in jüngsten Jahren lodern sah. Wenn es erloschen war, würde ein weiterer Tag der Dunkelheit weichen. Und so würde es ewig sein. Erschrocken fuhr ich auf. Schweratmend war ich aus den Wirren des Schlafes erwacht, war den Geißeln des Albes entkommen, der mich mit den Erinnerungen an die letzten Nächte folterte. Erneut pochte es an die Türe. Die Müdigkeit hatte meine Gedanken gelähmt, und ich erhob mich zitternd von meinem Bett. Es war Marcus, der seine Rüstung abgelegt hatte und nun schwach und verwundbar wirkte. "Ich sollte dich wecken. Das Schwert Cawaryns wünscht bald mit seinen Gästen zu speisen.", sprach er mit einer Stimme, die mir wieder die Trauer in die Gedanken zurückrief, die er litt, seitdem er Dylan verloren hatte. "Du solltest dich noch waschen und umkleiden, bevor du den Saal des Schwertes betrittst." "Marcus.", fiel ich ihm flüsternd ins Wort. "Ja?" "Hat Dylan dich im Schlaf besucht?", wollte ich wissen. Marcus musste den Angstschweiß auf meiner Stirn erkannt haben, denn er trat zu dem Wasser und tränkte das Tuch. "Ich habe nicht geschlafen, Varis.", antwortete er. "Ich kann es nicht." Ich schluckte feste, doch die Worte, die ich auszusprechen versuchte, schienen nur schwer über meine Lippen zu kommen. "Ich ... ich will nicht schlafen. Wenn ich die Augen schließe, dann .... warten sie. Sie sind da. Sie haben keine Gesichter, haben keine Stimme. Sie ... töten. Ich verstecke mich unter den Hütten, sehe das Blut, das sich in den Schnee ergießt und spüre das Feuer. Sie haben meinen Vater umkreist und ich stürme hinaus. Doch sie sehen mich nicht und mein Schwert reißt keine Wunden. Ich ... will nicht, das sie wiederkommen." Er fuhr mir mit dem kalten Tuch über meine Stirn, drückte es in meine Hände und schloss sie feste um den Stoff. Das Wasser rann zwischen meinen Fingern zu Boden. "Der Tag wird kommen, an dem sie für ihre Taten bestraft werden. Du bist stark genug, Varis. Du wirst nicht zulassen, das die dunklen Träume Kontrolle über dich erlangen. Du wirst sehen, das sich alles ändert. Noch ehe die Glocken zur zwölften Stunde schlagen wird sich alles ändern." Ich wusste nicht, was um Mitternacht geschehen würde, doch spürte ich, wie sich die Krallen der Angst wieder aus meinem Körper zogen. Das Tuch in meinen Händen schien beinahe trocken. "Warum kannst du nicht schlafen, Marcus?", fragte ich ihn. Er wandte sich um und schaute hinaus in die wolkenverhangene Dunkelheit, die einzig durch die Fackeln der Mauer erhellt wurde. "Mein Vater erzählte mir einst ein Gedicht, Varis. Es ist alt, und handelt von einem treuen Gefährten." "Wie heißt es?" "Hat es einen Namen?", sagte er mehr zu sich selber gewandt. "Wenn ja, dann kenne ich ihn nicht. Aber es ist der Grund für meine Verbundenheit zu den Pferden, die ich von meinem Vater erbte." Seine Stimme bebte, als er die Verse des Gedichtes aussprach. Erhobenes Haupt und Edelmut Schwach das Ross, das seiner trägt, Graues Licht weicht Dunkelheit, Blicke, die des Leids nicht sehen. Schwach das hilfeflehend Schnauben Gleich dem Tode eigens Flüstern Treue folgt selbst in das Grab. "Ein gutes Kampfross verlässt dich nicht aus Rachsucht oder des Verrates wegen, Varis. In dieser Beziehung sind Pferde edler, als es die Menschen jemals seien können." Lange Zeit schwiegen wir. Er starrte hinaus in die Dunkelheit, so als hoffte er dort ein Zeichen zu sehen. Die Zeilen des Gedichtes wiederholten sich in meinem Geist, selbst als ich schon längst angezogen war um Marcus, Lacia und dem Priester hinunter in den Saal folgte. Die Wachen senkten die Köpfe, als wir herangetreten waren, und zogen an den kräftigen Metallringen. Das schwere Portal schwang auf und wir traten in den großen Saal, der sich dahinter erstreckte. Steinerne Bögen liefen zur Decke hin spitz zusammen, von der mächtige Kronleuchter herabhingen. Auch in diesem Saal zierten kunstvolle Teppiche die Wände, Zeugnisse alter Schlachten und glorreicher Siege. Im Schatten der Säulen standen prächtige Harnische und Plattenrüstungen, auf denen sich der Kerzenschein spiegelte. An einer langgezogenen Tafel saßen mehr als ein Dutzend Dornreiter, deren Blicke sich uns zuwandten. In ihren Augen glaubte ich Erstaunen zu erkennen, doch sie schwiegen, bis sich das Portal hinter unserem Rücken wieder geschlossen hatte. Ich konnte Caster am vorderen Ende der Tafel entdecken, der uns freundlich zunickte. Ein Mann in edlem, blauen Gewand, erhob sich am Kopf der Tafel. "Cawaryns Schwert!", flüsterte Marcus. "Und wer sind die Männer an seiner Seite?", wollte Lacia wissen. "Seine Schwertmeister und Hauptmänner. Abgesehen von Caster." Etwas störte mich an Cawaryns Schwert. Vermutlich war es die Größe und die Schlichtheit der Erscheinung, die Marcus als Cawaryns Schwert bezeichnet hatte. In dem alten Gesicht unter seinem grauen Haarkranz stand die Sorge, und seine Augen musterten uns eindringlich, bevor er mit einer Stimme zu sprechen ansetzte, die wahrhaftig der eines Anführers gebührte: "Ich möchte euch im Namen der Dornreiter auf Cyr Cawaryn willkommen heißen, auch wenn ich dem eine Begrüßung unter anderen Umständen vorgezogen hätte. Seid euch gewiss, dass ihr unser aller Mitgefühl habt, für das, was euch jene Nacht wiederfahren ist." Er deutete auf die freien Stühle an dem Tisch aus edlem Holz. "So setzt euch doch, bitte." Wie geheißen nahmen wir Platz, und sofort erschienen Bedienstete, die uns Wein in die zinnernen Becher füllten. Kaum hatten wir von der roten Köstlichkeit probiert, da erschienen ein dickbäuchiger Mann in weißem Kittel zwischen dem Schatten der Säulen und rief: "Als erstes wird euch Telmian an diesem Abend feinsten Hering servieren, geräuchert auf edlem Buchenholz." Ein Raunen erfüllte den Saal, und die Männer am Tisch wuschen ihre Hände in Wasserschüsseln, bevor sie gierig nach den Fischen griffen, die ihnen die Diener servierten. Für einen Moment blieb ich ruhig sitzen und betrachtete mir die Gesichter der Schwertmeister. Manche schlangen die Speise herunter und spuckten die Gräten in die kleinen Körbe zu ihrer Seite. Der Priester des weinenden Ordens hingegen schüttelte den Kopf, als er die Gier seines Sitznachbarn beobachtete und schob den ihm gereichten Fisch davon. "Sagt euch dieser Fisch nicht zu, Bruder?", wollte der Schwertmeister neben ihm wissen, der mit seinem wirren schwarzen Haar und der langgezogenen Narbe auf der Stirn eher einem wilden Tier als einem Menschen glich. "Weniger der Fisch als eure edlen Manieren!", gab er geradlinig zurück. Der Schwertmeister verstummte, ließ die Hände sinken und blickte den Priester fragend an, als wüsste er nichts mit dem Gesagten anzufangen. Dann lachte er auf, schlug dem Priester mit seiner Hand freundschaftlich auf die Schulter und bereicherte sich seiner Heringsschale. "Dann habt ihr doch auch sicherlich nichts dagegen, wenn sich Grimmwall mit eurer zweiten Portion bessere Manieren angewöhnt, oder?" Der Priester lächelte verhalten und stimmte zu. Telmian kündigte weitere Speisen an und schon bald rebellierte mein Magen gegen den Überfluss. Da wurde feinstes Wildbret in köstlichen Saucen ebenso wie Obst gereicht. "Hinweg mit diesem Zeug!", fauchte Grimwall einen Diener an, der ihm erneut Wein einschenken wollte und fügte hinzu. "Füllt einen anständigen Mann nicht mit diesem Traubenwasser ab. Es wird doch wohl noch kräftiges, dunkles Bier für einen durstigen Grimmwall in euren Kellern geben, oder?" Ich lehnte mich zurück und lauschte den Erzählungen der Reiter. Erst als die Bediensteten die letzten Speisen vom Tisch getragen hatten, erhob sich Cawaryns Schwert und wischte mit einer einfachen Geste den Lärm aus dem Saal. "Danken wir Cawaryn dafür, das er uns dieses köstliche Mahl geschenkt hat." Die Männer senkten ihren Kopf und beteten. Plötzlich herrschte Stille im Saal und ich hörte die prasselnden Flammen des Kamins. Auch ich senkte meinen Kopf, dankte Cawaryn für das Mahl und seine freundliche Aufnahme in seiner Festung. "Nun!", brach Cawaryns Schwert die Stille. "Wir sind hier nicht nur zusammengekommen, um zu Speisen. In den Wäldern des Nordens ist die Dunkelheit erwacht. Es sind die bösen Drei, die dieses Mädchen und den Jungen mit einem schlimmen Schicksal straften. Wir wissen, das die Erinnerung schmerzt, und doch bitten wir euch darum, uns zu berichten, was vor zwei Nächten in eurem Dorf geschehen ist." "Wir möchten uns bei Cawaryn und euch für eure Gastfreundschaft bedanken, die ihr uns gewährt.", begann Lacia leise, die sich erhoben hatte. Als sie von dem Überfall berichtete, hatte sie ihre Hände zu Fäusten geballt, so dass ihre Knochen unter der Haut weiß hervortraten. "Eldarian und mein Vater unterhielten sich in jener Nacht am Herdfeuer. Der Hund bellte ununterbrochen, und Eldarian wollte aus der Hütte heraustreten, um nachzusehen. Da hörten wir Varis warnend schreien. Mein Vater griff zu seiner Waffe und Eldarian wollte aus der Hütte zu seinem Sohn stürmen, doch wurde er sofort von einer Gruppe Waldmänner angegegriffen. Ich suchte verzweifelt nach einer Waffe und fand einen Speer, den mein Vater im hinteren Teil unserer Hütte aufbewahrte. Ich hört ihn rufen, ich solle versuchen Varis aus der Hütte zu holen und mit ihm zur schwarzen Grotte zu flüchten. Ängstlich rannte ich durch die Hintertür hinaus in die Nacht, versuchte im Schatten der Katen die andere Seite des Dorfes zu erreichen. Die Schreie, der Kampflärm - es war furchtbar. Bevor ich an der Hütte angelangte, wurde ich von einer Gestalt überrascht, die mich mit einem Tritt gegen die Wand schleuderte. Ich schaffte es, mich umzudrehen, bevor sie mich erreichte, doch sie fegte meinen Speer mit einer einfachen Bewegung zur Seite und rammte mir ein Messer in die Schulter. Ich sank neben zwei hölzernen Fässern auf die Knie und gewahrte aus den Augenwinkeln ein Beil, das hinter ihnen lag. Mit letzter Kraft ergriff ich es und schlug es dem Angreifer in die Rippen. Dieser schrie auf, fiel zu Boden und versuchte sich erneut aufzurichten. Mit einem pochenden Schmerz in der Schulter kam auch ich auf die Beine, ergriff mein Speer und rannte zu der Hütte, als ich Varis auf dem Boden sah. Vor ihm hatte sich einer der Waldmänner mit einer Keule erhoben, doch bevor er zuschlagen konnte, stieß ich ihm meine Waffe in den Rücken." Die Dornreiter unterbrachen sie nicht ein einziges Mal, sondern warteten, bis Lacia endete und sich erschöpft auf den Stuhl sinken ließ. "Dein Vater trug sein Schwert nicht bei sich?", wollte einer der Schwertmeister von mir wissen. "Nein.", antwortete ich. "Er hatte es immer in seiner Truhe aufbewahrt. Ich nahm es mit, um es ihm zu bringen." "Diese Männer, Lacia. Griffen sie Varis Vater gezielt an?", fragte Cawaryns Schwert. "Sie griffen ihn an. Er war der erste, der hinausgestürmt war. Sie haben ihn als erstes gesehen.." "Ist euch etwas besonderes an ihnen aufgefallen? Varis, Caster sagte mir du hättest einen großen Mann unter ihnen gesehen, der Widderhörner trug und Befehle schrie, oder?", wandte sich das Oberhaupt der Dornreiter an mich. "Es war der Riese!", warf ich ein. "So groß wie ein Bär sah er aus, und er schwang einen gewaltigen Kriegshammer. Es war zu dunkel und ich könnte sein Gesicht nicht unter seinem Widderhelm sehen. Aber ich glaube das er Befehle brüllte." Cawaryns Schwert schien nachdenklich. Er stand auf und schritt zwischen den Säulen auf und ab, betrachtete die Wandrüstungen und die Harnische. "Littest du jemals unter bösen Träumen, Varis?", fragte Cawaryns Schwert. "Seit dem Überfall habe ich Angst vor dem Schlaf.", gab ich zu. "Caster!", sagte er dann. "Ihr kennt meine Überlegungen und ihr wisst, das wir ihm einiges schuldig sind. Ich möchte das ihr sie in ihre Stuben begleitet. Ich übergebe Varis in eure Obhut." "Jawohl.", antwortete Caster und fügte zu mir lächelnd hinzu: "Du wirst deine Chance bekommen, Varis." Der Stahl der Klinge war kalt, als ich ihn mit den Fingern berührte, und doch war er unangetastet, als hätte er niemals zuvor eine Schlacht gesehen. Das kunstvolle Efeu glich einem Mosaik, rankte sich empor bis zum Heft, als gäbe es der Klinge einen zusätzlichen Halt. Im Schein der Kerzen wirkte das zerfurchte Gesicht Casters noch älter, doch aus seinen braunen Augen war jede Trübheit verschwunden. Sein Blick lag auf meinen Händen, und in seiner Stimme schwang ein Seufzen mit, als er ansetzte die Stille zu brechen, die sich um uns zusammengezogen hatte. Wir saßen alleine in der Stube, in der man mich untergebracht hatte. "Eldarian." Ich starrte ihn an, da er den Namen meines Vaters mit solcher Vertrautheit ausgesprochen hatte. "Was hat dir dein Vater wirklich über seinen Namen erzählt?" "Er sagte mir immer, wie gut er das Meer kannte, da er in einem kleinen Küstenort aufgewachsen war. Er fuhr hinaus auf die See, um das Land zu vergessen.", flüsterte ich. "Um das Land zu vergessen.", wiederholte Caster meine Worte. "Wie lautet dein Name, Varis?" Verwirrt blickte ich den alten Mann an, dessen Frage mir so unverständlich erschien. Er las aus meinem Schweigen und schüttelte den Kopf. "Er hat ihn dir niemals gesagt, oder?" "Ich ... weiß nicht, was ...", stotterte ich. "Guenhaven.", unterbrach er mich mit sanfter Stimme. "Es ist der Name deiner Familie, ein Name, der mit dem Tod deines Großvaters an Bedeutung verloren hat." Sein Blick fiel auf das Schwert in meinen Händen, und nun verstand ich, das er es die ganze Zeit gewusst hatte. Schon als wir am Feuer gestanden haben, in der Nacht, in der die Flammen meine Vergangenheit verzehrt hatten, hatte er es gewusst. Für einen Augenblick kämpfte ich gegen den Zorn an, der in mir wuchs. Guenhaven? Was geschah hier? Warum diese Fragen? "Wo ist mein Vater?", wollte ich wissen. "Wir glauben, das sie ihn geholt haben, doch wissen wir nicht, wer sie sind.", antwortete Caster. "Du kannst es nicht verstehen, denn du bist noch jung und kennst die Vergangenheit nicht." "Welche Vergangenheit?", schrie ich. "Wo haben sie meinen Vater hingebracht?" Auf Casters Stirn perlte sich der Schweiß, und er beugte sich vor, legte seinen Finger auf die rauen Lippen. "Leise!", sagte er. "Ich werde dir erzählen, was ich weiß, doch musst du schwören, das du es niemandem verrätst. Du solltest es noch nicht erfahren, doch ich kannte sowohl deinen Großvater als auch deinen Vater und glaube, das du ein Anrecht auf ihre Vergangenheit hast. Also, schwörst du es mir?" Zitternd umfasste ich mit beiden Händen den Griff des Schwertes. "Ich schwöre." "Du bist der Vergangenheit näher, als du es jemals warst, Varis. Sie liegt in deinen Händen." Zweifelnd schaute ich abwechselnd Caster und das Schwert auf meinem Schoß an. "Giventhar.", hauchte er über seine rauen Lippen. Die Klinge leuchtete plötzlich in schimmerndem Blau auf, so als hielte ich reinstes Wasser in meinen Händen. Erschrocken ließ ich das Schwert fallen, das polternd auf den Boden stürzte. Als die Stimme Casters versiegte, war auch der unheimliche Schein vergangen. Auf Casters Gesicht spiegelte sich ein Lächeln wieder, und ich fasste vorsichtig nach dem Griff, der sich noch immer kalt anfühlte. "Was ... war das?", fragte ich. "Magie? Ein Zeichen Cawaryns? Vielleicht ein Ruf? Wir haben es niemals herausgefunden, denn nicht jeder kann es berühren, Varis.", begann Caster. "Als ich deinen Großvater Berret Guenhaven kennenlernte, war ich ein junger Mann. Wir hatten beide unsere Schwerter in die Dienste Anwyls gestellt. Die Fehde zwischen Anduran und Anwyl ist aus Generationen erwachsen, doch der anduranische Fürst Morat entsandte ein Heer, um die wachsende Macht Anwyls zu zerschlagen. Das Schlachtfeld lag südlich der Nebelauen, und im geisterhaften Dunst des Morgensgrauens standen sich beide Feinde gegenüber. Die Pfeile der gegnerischen Bogenschützen regneten auf uns herab, entrissen Leben, zerschlugen Schilde und Rüstungen. Es waren erbitterte Kämpfe, und als die Angriffswellen versiegt waren, und die Sonne den Dunst vertieben hatte, war das Schlachtfeld von Toten und schreienden Verletzten übersät. Wir hatten Anwyl verteidigt und Morat eine blutige Nase verpasst. So schritten wir durch die Reihen der Walstatt, töteten all jene, die nicht die Markierungen Anwyls aufweisen konnten und trugen Verletzte aus den eigenen Reihen zu den Zelten auf der Anhöhe. Ich fand deinen Großvater, der durch einen Pfeil schwer verwundet worden war. Er redete im Fieber, doch noch heute kann ich mich schaudernd an seine Worte erinnern, die er zitternd ausspie: Weiche nicht vom lichten Pfad! Schwarz umgibt es! Es greift um sich, räkelt sich empor, umschlingt der letzten Seele Kraft! Dunkelheit folgt weißer Nacht! Tod erwächst aus Staub, dringt aus des Schattens Nüstern. Das Schwert! Nein! Sie haben mich entdeckt! Hoffnung verborgen in des Nebels Schleier! Nicht dem Klang der Sphären lauschen! Verkennt es nicht! Er hat mich gefunden! Und er wird mich ereilen! Nein! Lasst ihn nicht sterben! Nein!! Wir dürfen ihm nicht folgen! Wieso nur? Warum konnten wir ihn nicht retten? Auf ewig verloren, er ist auf ewig verloren! Wir sind auf ewig verloren! Die Feuer werden brennen. Nacht! Die Nacht der Raben. Verdorrtes Fleisch. Verrottet! Schaufelt ein Grab für die Toten! Nein! Niemals! Nein!!!!!! Es glich einem Wunder, das er sich von seiner schweren Verletzung wieder erholte. Er konnte sich nicht mehr an seine Worte erinnern, als er erwacht war, doch neben seiner Bettstatt fand er das Schwert, das du nun in deinen Händen trägst. Niemand wußte, wie es dorthin gelangt war, und als die Menschen von seinen Worten erfuhren, überkam sie eine seltsame Furcht vor dieser Prophezeiung. Berret war seit der Verletzung verändert. Was immer er durchgemacht hatte, es suchte ihn auch in seinen Träumen heim, die ihn plagten. Er scharte eine Gruppe Männer um sich, löste sich von dem Söldnerheer und begann die Lehren des Gottes Cawaryns zu prophezeien, um nicht vom lichten Pfad zu weichen, wie er es nannte. Sein Schwert nannte er Giventhar, und es funkelte, sobald jemand den Namen der Klinge in ihrer Nähe aussprach oder wenn sich Feinde der Trägers näherten. Berret gewann durch seine Worte Einfluss bei wohlhabenden Händlern, und seine Prophezeiung fand in den Menschen des Fürstentums schnell offene Ohren. Es kamen immer mehr Menschen, die Gold mit sich brachten und somit jene Festung finanzierten, in der du nun nächtigst. Er baute sie nach seinen Träumen, schaffte ein Bollwerk das der Bedrohung standhalten sollte, die schon bald über uns hereinbrechen soll. Der Orden der Cawaryn war geboren, und Berrte war der erste Anführer der Dornreiter. Dein Vater ward geboren und wuchs zu einem tüchtigen Schwertmeister auf. An einem Herbsttag änderte sich alles. Eldarian war mit Berret in die Wälder geritten, doch nur dein Vater kehrte zurück, blutüberströmt, die Augen voller Furcht aufgerissen. Er brach im Dorf am Ufer des Schwarzdorn zusammen, Giventhar tragend und stammelte Worte, wie es einst sein Vater auf dem Schlachtfeld getan hatte. Er erholte sich nicht mehr von dem, was er gesehen hatte, und er war nicht in der Lage, uns darüber zu berichten. In den Wäldern fanden wir keine Spuren. An einem der folgenden Tage war Eldarian verschwunden. Er war mit Giventhar in das kleine Dorf am Meer der Stürme geflohen. Wir suchten nach ihm, doch lange Zeit verbarg er sich unserem Blicke. Eines Tages war ich es, der ihn in dem Dorf fand. Du warst noch klein und dein Vater war alleine. Ich wusste, das er nicht mehr zurückkehren würde. Die Schwertmeister wählten ein neues Schwert Cawaryns und ich erstattete von dem Treffen mit deinem Vater nie Bericht - bis vor wenigen Tagen. Das Schwert Cawaryns hatte in seinen Träumen grauenvolles gesehen, und so sandten wir Reiter in alle Dörfer aus. Natürlich wusste ich, in welchem Dorf wir zu suchen hatten, doch wir kamen zu spät. Als der Hauptmann, Argan und ich an der Küste Esmarees eintrafen, war dein Vater schon verschwunden." Was mir Caster an jenem Abend erzählte, traf mich wie ein Pfeil. Mein Vater war den Gesprächen über meinen Großvater immer ausgewichen und hatte niemals etwas zu seiner Vergangenheit gesagt. Es schien, als lebte er alleine für das Meer, und hatte seine Erinnerungen mit dem Schwert abgelegt. "Jetzt bist du der Träger des Schwertes, Varis. Auch wenn wir nicht wissen, was der Morgen bringen wird.", schloss Caster. Mace
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